Cash

@ SonntagsZeitung

Wie alle anderen aus meinem Bekanntenkreis habe ich Johnny Cash erst so richtig entdeckt, als er krank war. Und mit brüchig gewordener Stimme die CDs aufnahm, die «American» heissen (I bis VI) und die zu den schönsten Vermächtnissen gehören, die ein Sänger hinterlassen kann. Damals hörte ich eine Weile so viel Johnny Cash, dass mir die Ohren schlackerten. Doch eins blieb mir trotzdem rätselhaft: Diese Geschichte mit dem «Man in Black».

Johnny Cash hatte nämlich Einsicht in die dunkelsten Ecken der menschlichen Natur. Warum, weiss man nicht so genau. Armee, hiess es, Gefängnis, Alkohol, Drogen, all das habe ihm die menschlichen – und vor allem seine eigenen – Abgründe so krass vor Augen geführt, dass er nie wieder der Gleiche war. Der Sänger war sich sicher, das Vorzugsobjekt der teuflischen Verführung zu sein, und musste den Anfechtungen des Leibhaftigen immer ein Wehrschild entgegenhalten. Das war seine Musik. Oder seine Frau. Oder beides.

Denken musste ich daran in den letzten Wochen – wegen Joaquin Phoenix. Der Schauspieler hat sich, nachdem er Johnny Cash im Film «Walk the Line» gespielt hatte, direkt in die Teufelsküche begeben. Zuerst länger als ein Jahr lang den Deppen gegeben, sich bei Letterman blamiert, alle Freunde verprellt und dann seinen Kumpel Casey Affleck den schrecklichen Dokumentarfilm am Filmfestival Venedig vorführen lassen, in dem er, Joaquin, nur lallt, sich wie ein Hirntoter benimmt und zu allem Elend noch zulässt, dass ein doofer Kumpel ihm mitten aufs Gesicht den Darm entleert. Widerwärtig.

Jetzt sagen Casey und Joaquin, dass das nur ein Witz war. Falls wirklich, dann kein lustiger. Ich habe den Film gesehen. Da winkt am Schluss keine Erkenntnis. Da sieht man nur einen verwirrten Junkie in mittleren Jahren, mit Vollbart und Wampe, dem keine Einsicht zuteil wird. Nicht ins Helle und nicht ins Dunkle. Einfach nur blöd.

Und dann dämmert es mir: Das hat Johnny Cash dem Joaquin eingebrockt. Als der Letztere den Ersteren spielte, musste er etwas von dieser Dunkelheit erhascht haben, die Cash sein Leben lang verfolgte. Nur reagierte Johnny Cash darauf mit abgründigen Songzeilen wie: «I shot a man in Reno just to watch him die». Und Joaquin mit einem kindischen Spektakel ohne Stil und Ehre.

«I’m still here» von Casey Affleck hat kein Startdatum in der Schweiz. Johnny Cashs «American» gibts im Handel.

«Der Sänger war sich sicher, das Vorzugsobjekt der teuflischen Verführung zu sein»

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