Blaue Illusionen

Irgendwie sind wir doch alle Avatare

Der Traum vom perfekten Körper:

Neytiri vom Mond Pandora in James Camerons Film «Avatar»

Foto: Cinetext

In Camerons Film spiegelt sich das Körperproblem unserer Gesellschaft

von Ewa Hess

Regungslos sitzen Menschen in den dunklen Kinos, 3-D-Brillen auf den Nasen. Höchstens die Hand wandert von der Popcorn-tüte zum Mund und zurück. Oder es geht ein Zucken durch die stillgelegten Körper, wenn der blaue Kraftprotz auf der Leinwand waghalsig in die Tiefe springt.

Zweieinhalb Milliarden Dollar hat James Camerons «Avatar» bisher weltweit eingespielt, das entspricht 250 Millionen Zuschauern, und selbst wenn der Film heute Abend in der Oscarnacht nicht zum besten Film des Jahres gekürt werden sollte, ist er der kommerziell erfolgreichste aller Zeiten. Und obwohl Warner-Konkurrent und Branchenführer Disney mit dem nächsten 3-D-Spektakel, «Alice im Wunderland», auf den Markt drängt, steht er vor verschlossenen Türen der 3-D-Kinos: Die Betreiber wollen Kassenmagnet «Avatar» weiterspielen.

Wir sperren unsere Bäuche und Hintern in die Kinos ein

Kein Zweifel, Camerons Film trifft den Nerv der Zeit. Die dreidimensionalen Sprünge der computergenerierten blauen Helden läuten eine neue Ära ein – sie lassen uns die eigenen, makelbehafteten Körper endlich wirklich vergessen. Wie Sully, der paraplegisch gelähmte Held dieses SF-Märchens, sperren wir unsere un- zulänglichen Bäuche, Beine und Hintern in dunkle Kinocontainer ein und lassen einen Stellvertreter die berauschende Fantasie der unendlichen Bewegungsfreiheit ausleben. Denn je kleiner die Rolle, welche der freie Körper in unserem Leben spielt, desto grösser – und unerfüllbarer – ist die Sehnsucht danach.

Die Entwicklung, welche Web 2.0 und der Vormarsch sozialer Plattformen vor einem Jahrzehnt eingeleitet haben, kommt jetzt zur gesellschaftlichen Reife. Laut der am Mittwoch erschienenen Studie der European Interactive Advertising Association verbringen 84 Prozent aller Schweizer durchschnittlich anderthalb Stunden täglich im Netz. Rechnet man die elf Stunden wöchentlichen TV-Konsum dazu, wird es klar: Da bleibt wenig Freizeit übrig. Wir leben in virtuellen Räumen. Irgendwie sind wir alle Avatare.

Das Wort Avatar kommt aus dem Sanskrit und fand über die SF-Literatur den Weg in die Alltagssprache. Es bezeichnet eine virtuelle Person, einen grafischen Stellvertreter, etwa in einem Computerspiel. Während im Hinduismus ein «Avatara» eine Mensch gewordene Verkörperung des Göttlichen ist, droht uns als modernen Avataren umgekehrt der Körper gänzlich abhanden zu kommen.

Schon lange, seit dem Mittelalter, ist unsere Zivilisation dabei, den Körper dem Geist unterzuordnen. Franz von Assisi hat seine leibliche Hülle als «Bruder Esel» bezeichnet. Die Askese verlangte eine Zähmung des Körpers, denn er entzog sich dem disziplinierenden Zugriff der christlichen Ideologie: Er begehrte, fror, hatte Hunger und trieb zu unkeuschen Taten, die sich mit der kirchlichen Moral nicht vereinbaren liessen.

Auch folgende Jahrhunderte hatten ihre Wege, den widerspenstigen Körper im Zaum zu halten, vom barocken Todeskult bis zu den Korsetts und Perücken des 18. Jahrhunderts. Dabei war der effizienteste Weg schon in Gutenbergs Buchdruck vorgegeben: Um dem eigenen Körper den Meister zu zeigen, bot es sich an, den Geist zu fesseln. Paradoxerweise erzielte erst die freiheitlich daherkommende Moderne dank technologischer Entwicklung einen Durchbruch auf dem Weg zur gesellschaftlichen Disziplinierung des Körpers.

Den gespannt lauschenden «His Masters Voice»-Hund vor dem Grammofon-Trichter kann man als ein Symbol verstehen: Das Animalische in uns gibt sich freiwillig der Faszination der reproduzierenden Medien hin. Als 1881 das Telefon aufkam, konnte man erstmals mit anderen kommunizieren, ohne sich körperlich zu begegnen. Mit dem Fernsehen dämmerte die Ära der einsamen TV-Dinners. Dann kam der Computer, die Kiste, die zurücksprach. Im Videospiel-Terminal kulminiert endlich die Verschmelzung von fesselndem Spektakel und lückenloser Überwachung. Und mit dem Aufkommen sozialer Plattformen schlüpften Menschen als virtuelle Avatare direkt in die Kiste hinein.

Denn auch wenn wir allein vor dem Computer sitzen, ungekämmt und im alten Morgenrock: Das Internet ist ein sozialer Ort. Man braucht sich nur durch die Facebook-Profilfotos durchzuklicken, um zu verstehen, wie viele Stunden in die Auswahl dieser Avatare investiert wurden.

Unser virtuelles Alter Ego wird langsam zu unserem eigentlichen Ich, an das sich echte Gefühle knüpfen. In China hat ein Mann einen anderen erstochen, weil der seinem Avatar im Onlinespiel «Legend of Mir» etwas gestohlen hat. Eine Frau kam 2008 in Japan ins Gefängnis, weil sie in «Second Life» den Avatar eines ebenso ungetreuen wie virtuellen Ehemanns löschte.

Anstatt vom freien träumen wir von einem perfekten Körper

Doch so einfach gibt unser Bruder Esel nicht auf. Der durch einen virtuellen Stellvertreter ersetzte Körper macht sich auf eine andere Art gesellschaftlich wichtig. Als eine Perversion des freien Körpers entsteht der Mythos eines perfekten. Die Statistiken sind schwindelerregend: Zwei Drittel aller 12- bis 15-jährigen Mädchen in Europa finden sich nicht schön genug. Mehr als eine halbe Million Schönheitsoperationen pro Jahr werden allein in Deutschland durchgeführt. Jedes dritte Mädchen hat ein auffälliges Essverhalten.

Die gleichen Körper, die unbeweglich vor dem Monitor sitzen, werden in Fitnesszentren gnadenlos gepeinigt. Überhaupt scheint der Schmerz der einzige noch verbleibende Kanal zu sein, um mit dem Körper zu kommunizieren. Darum wohl gelten Piercings und Tattoos als ein so sinnlicher Schmuck. Darum lieben die Teenager die Hunger-Bootcamps von Heidi Klums «Next Model». Darum pilgern die Massen zu den makabren «Körperwelten»-Muskelpräparaten.

Diese Widersprüche unserer Zeit bringt Camerons «Avatar» wie kein anderer Film auf den Punkt. Der Durchbruch in den Raum und der brillante Einsatz der 3-D-Technologie machen es möglich: Die Grenze zwischen dem echten Menschen und seinem virtuellen Stellvertreter wird immer weniger spürbar.

Dieser Film ist für das Körper-dilemma unserer Zivilisation auch so etwas wie ein Avatar: Er gaukelt uns eine wunderschöne Lösung des Problems vor, während wir im Dunkeln unbeweglich Popcorn mampfen und uns immer weiter von diesen fitten blauen Leibern entfernen, die auf der Leinwand kühne Sprünge wagen.

Publiziert in der SonntagsZeitung am 07.03.2010

About Ewa Hess

Swiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, Zürich

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