Jacques Herzog

Jacques Herzog über Tate Tanks, den Quantensprung in Basel und das Bauen im urbanen Raum

von Ewa Hess

Herzog & de Meuron eröffnen eine weitere Ausbauetappe der Tate Modern in London: Sie machen die Öltanks des ehemaligen Kraftwerks als Ort für Performance und Event verfügbar. Die SonntagsZeitung unterhielt sich mit Jacques Herzog über die Präsenz des Basler Büros in der Olympiastadt und seine Pläne für New York, Paris und Basel.

 

 

Ihr Bird’s Nest in der Olympiastadt Peking wurde zum sichtbarsten Gebäude der Welt, in London verstecken Sie Ihre Eingriffe unter der Erde. Warum?

Unsere beiden Londoner Projekte – Tate Modern Oil Tanks und Serpentine Gallery Pavillion – beschäftigen sich tatsächlich mit Strukturen, die bisher nicht an der Oberfläche sichtbar waren. Das ist aber Zufall, obwohl es auch ein Gebot unserer Zeit zu sein scheint.

An welches Gebot denken Sie?

Aufmerksamer darauf zu schauen, was schon vorhanden ist, bevor man etwas Neues hinstellt. Wir neigen dazu, Altes in immer kürzeren Abständen durch Neues zu ersetzen. Mit unseren Eingriffen wollen wir dem bereits Vorhandenen mehr Gewicht verleihen.

Ist diese Tendenz als ein Zeichen einer neuen, weniger glänzenden Zeit zu deuten?

Nein, im Gegenteil: Zeichen einer besseren Zeit, weil man hoffentlich auch ganze Quartiere, Städte und Landschaften so anschauen wird. Das wird nicht weniger spektakulär, weil man im Bestand verborgene Qualitäten entdecken wird. Die Oil Tanks etwa, die neuen unterirdischen Räume der
Tate, werden die Menschen ebenso begeistern, wie es die umfunktionierte Turbinenhalle tat.

Ihre architektonischen Eingriffe sind subtil. Sie haben auf eine Dramatisierung der Öltanks verzichtet. Warum?

Das war nicht notwendig. Man hätte Oberlicht zufügen können oder Beton- durch Stahlstützen ergänzen, doch das wollten wir nicht. Wir haben auf die Dialektik von Alt und Neu verzichtet, wie es die Architekten der Moderne bis heute bevorzugten. Dem Betrachter ist es egal, ob das, was er sieht, von Herzog & de Meuron ist oder von Gilbert Scott – dem Erbauer der Öltanks.

Bei der Gestaltung des Serpentine Pavillons haben Sie erneut mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei zusammengearbeitet. Wie war das möglich, er steht ja unter Hausarrest?

Wir kommunizierten per Skype. Wir stehen auch jetzt im telefonischen Kontakt mit Ai, das ist kein Problem. Wir wissen nur nicht, wann er reisen darf.

Ist es ein Zufall, dass die erneute Zusammenarbeit wieder im Vorfeld Olympischer Spiele stattfindet?

Es war die Idee von Hans-Ulrich Obrist und Julia Peyton-Jones, den Direktoren der Serpentine Gallery, uns als Team wieder zusammenzubringen. Der Pavillon ist ja bloss eine temporäre Struktur für einen intensiven Sommer. In Peking ging es uns aber darum, dass unser Bau auch nach den Olympischen Spielen ein lebendiger und interessanter Ort blieb.

Ist das im Fall von Birds Nest gelungen?

Ja. Das Stadion ist zu einem öffentlichen Ort geworden für Chinesinnen und Chinesen. Zehntausende gehen jetzt jeden Tag da hin, wie in einen Park.

Wie ist das zu werten, wenn Ai Weiwei sich öffentlich vom Bird’s Nest distanziert, wie er es auch schon gemacht hat?

Er liebte das Projekt immer und ist letztlich auch stolz darauf. Er liebt sein Land und dessen reiche Geschichte, darum hat er uns China nähergebracht. Es war ihm wichtig, dass wir westliche Kultur in sein Land bringen und umgekehrt vom Osten inspiriert werden. Alle diese Bemühungen haben Früchte getragen, was sich im Birds Nest und anderen Projekten von uns ausdrückt.

Gegenwärtig wird der Messeplatz in Basel nach Ihren Plänen umgestaltet. Anlässlich der Kunstmesse Art vor einem Monat staunten die Besucher über sieben gewaltige Baukräne, welche um eine enorme Baugrube vor der Messe stehen.Das neue Messegebäude in Basel wird sehr schnell hochgezogen, ein längerer Unterbruch des Betriebs würde empfindliche ökonomische Folgen nach sich ziehen. Bezüglich Eile und Dimensionen herrschen beinahe chinesische Verhältnisse – während der Art musste gleichzeitig abgebrochen und gebaut werden, auch das neue Fundament wurde bereits gegossen. Die Ausmasse des Baus sind riesig, es wird sich dadurch in Basel viel verändern.

Was?

In Basel, und auch an anderen Orten der Schweiz, ist Verdichtung und damit einhergehend ein Massstabssprung notwendig, um das wirtschaftliche und demografische Wachstum sinnvoll zu bewältigen. Sinnvoll heisst zuerst dort zu ergänzen und verändern, wo schon etwas steht, bevor weitere unüberbaute Flächen unserer Landschaft zubetoniert werden.

Mit Verdichtung meinen Sie Hochhäuser?

Höhere und dichtere Bauformen gehören dazu. Wir sprechen aber von neuen Räumen in den Städten, wo eine neue urbane Kultur entsteht. Es geht nicht nur um die Hochhäuser. Es geht um ein neues Denken ihrer Umgebung.

Wie muss man sich dieses vorstellen?

Der Messeplatz in Basel ist – hoffentlich – ein gutes Beispiel dafür. Hier entsteht unter der neuen Messehalle ein neuer Raum, die sogenannte City Lounge, welche sich zu einem Brennpunkt öffentlichen Lebens entwickeln soll. Der Massstabssprung, der durch die neuen Hallen an dem Ort geschieht, wird weitere Projekte, darunter auch Hochhäuser mit Wohnungen mitten in der Stadt auslösen und so diesem Ort weitere Dynamik verleihen.

Wovon hängt es ab, ob eine solche Entwicklung stattfindet – oder eben nicht?

Wichtig ist die richtige Mischung der Nutzungen. Messehallen sind ja ausserhalb der Messezeiten trostlos. Deshalb braucht es auch Nutzungen, die im Alltag verankert sind. Vor allem eben Wohnungen und Arbeitsplätze, auch Orte für Kinder und alte Menschen, um Vielfalt zu generieren. Grosse, urbane Räume – wie etwa der Zürcher Paradeplatz – die vor allem einer Benutzergruppe, etwa den Bankern, vorbehalten sind, wirken ausserhalb der Bürozeiten trostlos.

Sind die Bedürfnisse einer Stadt wie Basel ähnlich wie jene von Paris? Auch dort bauen Sie ein Hochhaus, das erste in Grand Paris seit der Tour Montparnasse.

Das kann man nicht vergleichen. Innerhalb von Paris gibts ja nur ein Hochhaus: Montparnasse, das wie ein Monument dasteht. Paris ist städtebaulich mit seinen Étoiles und Monumenten präzis und axial konzipiert wie keine andere Stadt der Welt. Die Position und Form jedes Hochhauses ist deshalb sehr wohl zu begründen.

Zumal Ihr Eingriff auch noch 180 Meter hoch werden soll . . .

Ja, es ist wie viele unserer Projekte sehr sichtbar, und deshalb mit grosser Verantwortung verbunden.

In China ist es wohl leichter als in Basel und Paris, neue Projekte durchzusetzen?

Dort muss man vielmehr schauen, dass nicht alles Bestehende weggeräumt wird! Wie jetzt in Hangzhou, wo ein ganzes Quartier neu- und umgebaut wird. Da stehen alte Fabriken aus der Mao-Zeit, die wir zu Ausstellungshallen, Schulen und für andere Nutzungen umbauen können – ähnlich wie in unseren westlichen Städten. Das ist für China ein beachtlicher Gesinnungswandel hin zu einem komplexeren Verständnis von chinesischer Urbanität.

Wie steht es eigentlich um die Elbphilharmonie in Hamburg?

Trotz dieses unfassbaren Schlamassels um Kosten und Termine sollte man nicht vergessen, dass es sich um eines der faszinierendsten Projekte von Stadtentwicklung handelt. Hamburgs Hafencity ist nicht einfach eine Erweiterung der bestehenden Stadt, sondern eine eigene Destination mit grosser kultureller und touristischer Strahlkraft. Die kürzlich erzielte Einigung zwischen Stadt und Generalunternehmer lässt auf ein baldiges Weiterbauen hoffen.

Erlebt man in Hamburg die Grenzen kühner Architektur?

Wir wurden natürlich gefragt, «warum habt ihr den Saal dort oben hingestellt und nicht auf den Boden, und das alles noch umgeben von Wasser?» Die Antwort ist, dass das Projekt ja genau aus diesem Grund überhaupt zustande kam. Es ist ja immer wieder zu beobachten, dass gerade schwierig zu erreichende, unmöglich scheinende Dinge auf die Menschen anziehend wirken, weil sie eine ganz eigene Schönheit ausstrahlen. Hier war das offensichtlich der Fall, denn das Projekt kam durch eine Bewegung der Bevölkerung zustande – also von unten nach oben und nicht von einer Obrigkeit diktiert. Von unserer Seite war das aber nie eine bewusste Strategie der Verführung, obwohl «Verführung durch Schönheit» bestimmt ein interessantes Kapitel in der Architekturgeschichte einnimmt.

Sie bauen fast überall auf der Welt. Worin sehen Sie die Rolle der Schweiz in der globalisierten Welt?

Die Schweiz ist in Vielem modellhaft. Zum Beispiel ist der Föderalismus ein politisches und kulturelles Modell, das zu empfehlen ist. Die Vorteile sind aber auch die Nachteile, etwa bei der Gemeindeautonomie, welche jeder Gemeinde eigene Bauzonen zur Gestaltung überlässt. Jede Gemeinde ist ein eigener Kontinent. Abgeschottet vom andern und widerwillig im Dialog. Da ist unser Modell verbesserungsfähig, vielleicht gelingt eine Verbesserung im 21. Jahrhundert angesichts des gegenwärtigen Wachstumsdrucks? Die Schweiz, ein Modell für eine föderalistische Urbanitätdes 21. Jahrhunderts?

Publiziert in der Sonntagszeitung am 15.07.2012

About Ewa Hess

Swiss journalist, Editor Arts @Sonntagszeitung, Zürich

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