Peter Bichsel und Sophie Hunger

«Ich hätte es nie gewagt, Sophie zu fragen»

Peter Bichsel, 74, und Sängerin Sophie Hunger, 27, über “Zimmer 202″, den Geburtstagsfilm des Schriftstellers, Beizen und Träume

von Ewa Hess & Christian Hubschmid

Der Schriftsteller Peter Bichsel und die Sängerin Sophie Hunger treffen aufeinander: Im Dokumentarfilm «Zimmer 202» zu Bichsels 75. Geburtstag macht Hunger die Musik. Und jetzt begegnen sich die beiden herausragenden Schweizer Künstler beim Interview mit der SonntagsZeitung zum ersten Mal persönlich.

Peter Bichsel, ist es ein Zufall, dass Sophie Hunger die Musik für «Zimmer 202» gemacht hat?
Bichsel: Die Idee kam vom Regisseur. Ich hätte nie gewagt, davon zu träumen, hätte mich nie getraut, den Star zu fragen.

Bewundern Sie Sophie Hunger?
Bichsel: Ja, ich bin unheimlich begeistert von der Vielseitigkeit ihrer Kunst. Sie hat nicht einfach den Mund offen und eine Gitarre in der Hand, sondern die Antennen draussen.

Sophie Hunger, warum haben Sie zugesagt?
Hunger: Weil Peter Bichsel für mich etwas Fundamentales bedeutet. Eigentlich hatte ich gar keine Zeit, weil ich letztes Jahr permanent auf Tour war, aber dann habe ich dem Regisseur gesagt, wenn er es akzeptiert, dass ich die Musik schreibe, bevor der Film fertig ist . . .

Er war einverstanden?
Hunger: Ja.

Peter Bichsel, haben Sie die Musik schon gehört?
Bichsel: Ich habe einen Rohschnitt des Films gesehen und war begeistert von der Musik. Vermutlich werde ich nicht der Einzige sein, der im Kino die Augen schliesst und nur der Musik zuhört.

Sophie Hunger, inwiefern ist Peter Bichsel für Sie fundamental?
Hunger: Ich habe als Kind Bichsel gelesen. Die Geschichte von dem alten Mann, der eines Tages zum Tisch Stuhl sagt, war eine Offenbarung für mich. Es war, als ob die ganze Welt nochmals von vorne beginnen würde. Ich habe dort entdeckt, dass alles eine Erfindung ist.

Wie alt waren Sie da?
Hunger: Das weiss ich nicht mehr, aber später im Leben bin ich mal an die Uni gegangen, weil ich meinte, ich müsse studieren. Der Professor hat erklärt, dass ein sprachliches Zeichen immer aus dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten besteht, und dass die Zuordnung des Einen zum Andern arbiträr sei. Da dachte ich: Aber das weiss doch jedes Kind, nämlich von Peter Bichsel!

Peter Bichsel, Sie sind eine Identifikationsfigur, selbst für die Generation, die fünfzig Jahre jünger ist als Sie.
Bichsel: Nein, ich bin keine Identifikationsfigur. Der Schriftsteller Bichsel, der Erfolg hat, ist ein anderer, der zufälligerweise gleich heisst wie ich. Er ist ein Fremder.

Sie distanzieren sich vom Publikumsliebling Bichsel?
Bichsel: Ich freue mich über den Erfolg, aber der Erfolg ist Zufall. Er hat nur bedingt mit Qualität zu tun. Ich habe mich ein Leben lang gewehrt, auf mich selbst hereinzufallen. Das ist etwas vom Schlimmsten.

Sophie Hunger, wie erleben Sie den Erfolg?
Hunger: Für mich ist das alles vor­ wiegend draussen passiert. Nicht in mir drinnen. Aber es gibt ver­wirrende Nebeneffekte. Vor allem, wenn man in Interviews ständig zur Selbstanalyse ge­drängt wird, dann wird man ir­gendwann zur eigenen Sekundär­literatur. Das muss man unbe­dingt und möglichst furcht­einflössend von sich weisen.

Bichsel: Durch den Erfolg wird einem etwas weggenommen. Ein Stück Naivität. Wenn mich junge Autoren fragen, was sie machen sollen, sage ich: Schreiben, schreiben, schreiben. Denn wenn das Buch erst einmal heraus­ kommt, dann wird das Schreiben anders.

Lesen Sie manchmal Ihre frühen Texte?
Bichsel: Wenn ich das Buch «Ei­gentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennen lernen» noch­ mals in die Hand bekomme und drin lese, dann kommt bei mir ei­ ne Hochachtung auf vor diesem jungen Mann, der das geschrie­ ben hat. Was der konnte, kann ich nicht.

Was ist das?
Bichsel: So schreiben. So knapp, komponiert schreiben.

War Ihr zweites Album, das nächsten Freitag erscheint, auch etwas ganz anderes als Ihr erstes, Sophie Hunger?
Hunger: Ja, ich hatte schnell das Gefühl, dass ich nach «Monday’s Ghost» alles kaputt machen und neu machen muss. Auf der Tour­nee letztes Jahr blühte ich richtig auf, hatte dauernd neue Ideen.

Bichsel: Das erstaunt mich nicht, Sophie. Auf deiner Homepage ha­be ich dein Konzert in Paris gese­hen. Mir fiel auf, dass du im Mo­ment des Machens dir etwas sel­ber erzählst. Man merkt, dass du für die Leute singst, aber auch für dich selber. Es ist nicht nur ein nach aussen Singen, es ist auch ein nach innen Singen.

Hunger: Das ist für mich der Kern des Musizierens. Es gibt keine Musik ohne Publikum. Als Kind spürt man das am besten, wie al­les, was man macht, nach aussen und nach innen wirkt. Zum Bei­spiel, wenn man seinem viel stär­keren Bruder Erdbeermousse ins Gesicht schmiert.

Stichwort Paris: Im Film «Zimmer 202» erzählen Sie, Peter Bichsel, dass Sie sich ein Leben lang geweigert haben, dorthin zu fahren. Warum?
Bichsel: Weil ich die Sehnsucht schöner finde als die Realität. Ich wollte immer nach Paris gehen – wegen der Kunst, wegen der Bohème – und ich habe auch al­ les gelesen über Paris. Ich wusste, es gibt irgendwo eine wunderbare Stadt mit goldenen Dächern. Aber ich hatte Angst, diese Sehn­ sucht durch Wirklichkeit zu be­ schädigen.

Sie, Sophie Hunger, haben keine Angst vor Paris. Sie haben dort Erfolg und fühlen sich so zu Hause, dass Sie sogar Chansons von Jacques Brel auf der Strasse singen.
Hunger: Ja, ich habe nie von Pa­ris geträumt. Diese Stadt war nie ein Ort, den ich mit Geschichten füllte. Wenn es einen Sehn­ suchtsort gibt, dann vielleicht Lissabon.

Kennen Sie Lissabon?
Hunger: Aus der Betrachtung von Landkarten.

Bichsel: Du hast eben die Haltung einer Leserin. Es gibt ein primäres Leben – die Abenteuer, die Liebe, Essen, Trinken – und es gibt ein sekundäres Leben – das Dasitzen, Schauen, Hören, Lesen. Dieses sekundäre Leben ist wichtig. Mich hält es am Leben. Wenn es nur ein primäres Leben gäbe, hätte ich es schon lange weggeworfen.

Wie ist das bei Ihnen, Sophie Hunger?
Hunger: Es ist noch zu früh, um das zu sagen. Viele Menschen brauchen das sogenannte primä­re Leben, weil sie sich nur dort verwirklichen können. Ich habe noch ein bisschen Zeit, um mir da Klarheit zu verschaffen.

Bichsel: Weisst du, Sophie: Es kommt nicht mehr viel dazu. Du weisst mit siebzig nicht mehr, als du jetzt weisst. Du kannst nur noch dein Gärtchen pflegen und ausbauen.

Ist das Genossenschafts­-Restaurant “Kreuz” in Solothurn auch eine Art Gärtchen für Sie, Herr Bichsel? Bichsel: Das Kreuz war mal die Welt. Da hat Auseinandersetzung und Erfahrung stattgefunden. Im «Kreuz» war Paris. Inzwischen gibt es für mich auch andere Wirt­ schaften. Doch das «Kreuz» hat den Vorteil: Alle Leute wissen, der Bichsel sitzt da. Und zwar den ganzen Tag. Solange ich also nicht ins «Kreuz» gehe, habe ich meine Ruhe.

Auch Sie sind einem Lokal verbunden, Sophie Hunger, dem Musikclub Helsinki in Zürich. Wie wichtig ist Ihnen diese Szene?
Hunger: Das Helsinki war einer der ersten Klubs in Zürich, wo es jeden Abend Livebands gab. Das war sehr wichtig. Ohne die Bezie­hungen, die ich zu den Menschen dort gehabt habe, hätte ich die Frechheit nicht besessen, meine erste CD zu machen. Aber ich musste diese Verhältnisse auch wieder verlassen, die Idylle zer­ stören, um weiter zu gehen.

Wohin?
Hunger: Ich weiss nicht. Ich habe den Eindruck, dass es nicht so ei­ ne Rolle spielt, wo ich bin. Zürich ist meine Stadt, mein Daheim. Ich habe dieser Stadt gegenüber sehr sentimentale Gefühle.

Bichsel: Ich kenne einen, dem würde jetzt eine Träne die Wange runterlaufen, wenn er dich hören würde. Dem grössten Zürich-­Pa­trioten, den es je gegeben hat: Max Frisch. Immer wenn ich et­was Negatives über die Stadt ge­ sagt habe, hat er mich auf den Lindenhof geführt und mir stolz die Stadt unter uns präsentiert.

Herr Bichsel, für den Film sind Sie nun doch nach Paris gereist. Gibt es noch andere Träume, die Sie nun verwirklichen wollen?
Bichsel: Ich liebe Träume, die echten, die man in der Nacht hat. Sonst ist alles schon passiert. Und das ist gut so. Ich bin zum Höckeler geworden, höre gerne dem Chabis zu, den die Leute er­zählen.

Erschienen in der SonntagsZeitung, 21.3.2010

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